Foto: Dan Zoubek

Fingerhakeln: Kraftsport mit Tradition

Diese Männer haben Hände zum Fürchten. Sie sitzen an einem Tisch und zerren an einem Lederring. Früher wurden so im Wirtshaus Streitigkeiten beigelegt. Heute werden beim Fingerhakeln ernsthafte Meisterschaften ausgetragen. Die meisten Zutaten sind aber nach wie vor dieselben: Lederhosen, Trachtenhüte, Blasmusik – und jede Menge Weißbier.

Der Bader Anton aus dem Ammergau ist ein Bursche wie aus dem Bilderbuch. Er hat einen imposanten Bart, ein beeindruckendes Aufreten – und einen formidablen Ranzen über seiner Lederhosn. Und Hände zum Fürchten. Eigentlich. Der Bader Anton ist Fingerhakler und hat jahrelang in seiner Gewichtsklasse alle Gegner dominiert. Aber heute scheidet er bei den Alpenländischen Meisterschafen in Mittenwald früh aus. Viel zu früh. Einer wie er braucht jetzt „keinen Psychologen“, wie er lapidar sagt. Das hält er schon aus, obwohl es schmerzt. Auch die Wunden seiner beiden blutenden Mittelfinger, von denen es riesige Hornhautschichten gerissen hat, werden in zwei Wochen wieder verheilt sein. Und überhaupt: Das hier ist sowieso kein Platz für Jammerlappen.

Der Bader Anton ist eine schillernde Figur unter den Fingerhaklern. Er ist bayerischer Landesverbandsvorsitzender und einer der erfolgreichsten Kämpfer weit und breit. Alle haben erwartet, dass er in der Mittenwalder TSV-Turnhalle wieder wie so oft gewinnt. Dort, wo – so steht es in der Lokalzeitung – „die Grünkopf-Musi und die Isartaler Buam sowie die Goaßlschnalzer für Unterhaltung“ sorgen und die „Familie Hornsteiner“ sich um die Bewirtung kümmert. Sie wird an diesem Tag signifkant beschäftigt sein.

Das Weißbier fließt schon am frühen Morgen. Die Musi spielt auf. Die Halle ist prall gefüllt mit Männern, die Lederhosen und Trachtenhüte tragen. Auf der Bühne stehen ein Tisch und vier Hocker. Und es wirkt, als würde hier gleich eine Volkstheatergruppe ihren großen Auftritt haben. Was dort oben an diesem Tag passieren wird, ist aber ein Theater von anderem Kaliber. Mit unbarmherzigen Entscheidungen, manchmal schier endlosen Dramen, furiosen Triumphen und gewaltigen Schmerzen. Hier werden sich prächtige Mannsbilder gegenübersitzen, die Hosenträger herunterlassen, einen ihrer Finger in einen Lederring einhaken, sich an der Tischkante mit dem Schienbein verkeilen und versuchen, sich gegenseitig über den Tisch zu ziehen. Und werden sie einmal von unkontrollierbaren Kräften zurückgeschleudert – hinter ihnen werden wohlgeformte Wonneproppen sitzen und sie auffangen.

Mehr über diesen urtümlichen Sport lesen Sie in LIMITS #2 – erhältlich ab 28. September am Kiosk oder hier in unserem Shop.