Foto: Jimmy Chin

Alex Honnold: Free Solo Kletterer

Ich habe die Kritik, dass Klettern von Natur aus selbstsüchtig sei, nie verstanden. Dies gilt genauso für nahezu jeden Sport, für jedes Hobby. Ist Gärtnern selbstsüchtig?

Frei sein. Free. Für sich sein. Solo. Ein für die meisten Menschen zumindest temporärer Lebenstraum. Einer, den man sich was kosten lässt. Zwei Wochen Karibik. Strand, Ruhe, Buch. Auch für Alex Honnold ist das Höchstmaß an Einsamkeit und Ausgesetztheit ein extremer Reiz. Der Preis dafür ist jedoch ungleich höher: sein Leben.

Free Solo, das ist Klettern am ultimativen Limit. Und dabei geht es nicht mal um die pure Schwierigkeit einer Kletterroute, um die technisch und konditionell dafür aufzubringende Leistung. Die psychische Belastung ist es, die selbst für ambitionierte Kletterer die Grenzen der Vorstellungskraft pulverisiert. Geklettert wird dabei ohne Seil, ohne Sicherung, ohne Partner. Die ganze Welt verdichtet sich auf ein paar Millimeter aus Granit, Gneis oder Kalk. An Finger- und Zehenspitzen hängt dann das eigene Leben – Hunderte Meter über dem Tal. Im Nichts. Nur der Kletterer und der Fels. Es ist die purste, die ehrlichste Auseinandersetzung mit der Gewalt des Berges.

Ein gerechter Kampf? Wohl kaum. Der Berg lässt sich bezwingen, aber niemals besiegen. Der letzte Triumph wird immer dem Millionen Jahre alten Gestein gehören. Ein wegrutschender Fuß auf glatt poliertem Fels, ein unvermittelt ausbrechender Griff, ein kapitaler Wetterumbruch – das alles bedeutet die Niederlage des Kletterers. Und seinen sicheren Tod. Im Idealfall – zumindest aus der fatalen Sicht von Alex Honnold: Du musst sicherstellen, dass du einen Sturz auf keinen Fall überlebst. Würde ich es, wären meine Verletzungen so schwer, dass mein Leben für mich keinen Sinn mehr hätte. 

Yosemite National Park, California. Seit Jahrzehnten Pilgerstätte der US-amerikanischen Kletterszene. Beherrscht wird sie von Half Dome und El Capitan – zwei Monolithen aus Granit. Beide sind mit rund 2500 Metern Höhe alpine Zwerge, ihre Hauptwände ragen jedoch wie Riesengestalten empor: 600 Meter zieht die Wand des Half Domes hinauf, 800 Meter die des „El Cap“. Zig Kletterrouten führen, zumeist entlang spinnennetzartiger Risssysteme, aufs Dach. Senkrechte Routen von absurder Schwierig- und Ernsthaftigkeit, deren Griffe und Tritte abseits der oft nur fingerbreiten Risse aus rasiermesserscharfen, wenigen Millimeter kleinen Kanten bestehen. Der Rest? Spiegelglatte Wand. Eine Raufasertapete würde mehr Halt bieten.

Die berühmtesten dieser Routen wurden in den 50er- und 60er-Jahren erstbestiegen – damals in sogenannter technischer Kletterei mit einer eisernen Hilfsarmada aus Leitern, Schlaghaken und Stahlstifen. Für die Erschließung der berühmt-berüchtigten Nose am El Cap waren 47 Klettertage nötigt. Heute steht der Speed-Rekord bei einer absurden Zeit von 1 Stunde, 58 Minuten und 7 Sekunden. Heute – das heißt auch, dass die Routen von den besten Vertikalakrobaten zwar frei geklettert werden – ohne Hilfsmittel, mit Händen und Füßen nichts als den Fels (und keine Stifte oder Ösen) berührend –, aber nicht solo, sondern mit Sicherungsseil sowie Bohrhaken oder Ähnlichem zur Umlenkung des Seils. Und natürlich mit Partner. Die Vorstellung, eine dieser Routen free solo – alleine, ohne jegliche Sicherung – zu durchsteigen? Auch für die Besten der Welt bar jeder Vernunft. „Eine Route am El Cap free solo zu machen, käme der Mondlandung gleich“, sagt Tommy Caldwell, selbst ein berühmter Big-Wall-Kletterer und eine Art Hausmeister im Yosemite. Unvorstellbar – bis ein 1985 geborener Kalifornier namens Alex Honnold mit seinem Bus ins „Valley“ (so nennen Kletterer das Yosemite-Gebiet) zog. Und es durchzog…

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